Kein Tonic Water zu Amantadin

Chinin-haltige Medikamente werden gern gegen Wadenkrämpfe, Rheuma oder Malaria eingenommen und Tonic Water als Getränk ist mit einem Eiswürfel verziert besonders im Sommer ein beliebtes Getränk. In Kombination mit bestimmten Medikamenten, zum Beispiel Amantadin, kann Chinin jedoch auch zu gefährlichen Nebenwirkungen führen.

In einer Studie der Université Paris Est Créteil hat das Tem um Dr. Laurence Fardet untersucht, ob der Genuss Chinin-haltiger Getränke Einfluss auf die Sterberate hat. Sie werteten die britische Datenbank "The Health Improvement Network" aus, welche Angaben zu rund 12 Millionen britischen Patienten enthält. Die Ärzte fanden knapp 11.600 Personen, die wegen Muskelkrämpfen oder RLS (Restless Legs Syndrom) seit 1990 mindestens über ein Jahr Chininpräparate in einer Dosierung von mindestens 100 mg eingenommen hatten. Zum Vergleich herangezogen wurde die dreifache Zahl von Patienten, welche kein Chinin eingenommen hatten. Die ausgewerteten Patienten waren im Durchschnitt 70 Jahre alt. In einer Nachbeobachtungszeit von etwa sechs Jahren starben auf 1000 Personenjahre bezogen 42 Patienten in der Chiningruppe, 32 Patienten in der Kontrollgruppe. Unter Berücksichtigung aller Begleiterkrankungen zeigte sich mit Chininpräparaten eine 24% erhöhte Mortalität. Deutliche Unterschiede zeigten sich beim Alter: junge Patienten unter 50 Jahren starben dreifach häufiger als Gleichaltrige ohne Chininmittel. Bei Patienten über 70 Jahren gab es kaum Unterschiede. Ein deutlicher Zusammenhang zeigte sich auch mit der Chininmenge: die Sterberate lag bei 200 - 300 mg/d um 25%, bei 300 - 400 mg/d um 83 % und über 400 mg um 124% höher. Die genaue Todesursache konnte aus den vorhandenen Daten nicht ermittelt werden. Aufgrund dieser Ergebnisse halten es die Forscher um Dr. Fardet für wahrscheinlich, dass tatsächlich Chinin für die erhöhte Sterberate als ursächlich anzunehmen ist.

Verwendung in Lebensmitteln
Chinin wird wegen seines bitteren Geschmacks einigen alkoholfreien Erfrischungsgetränken (Tonic Water) und den fruchtsafthaltigen Limonaden Bitter-Orange und Bitter-Lemon zugesetzt. Des Weiteren findet es in Bitterspirituosen Verwendung. Erlaubt ist der Zusatz von Chinin, Chininhydrochlorid oder Chininsulfat bis maximal 100 mg/l in alkoholfreien Erfrischungsgetränken, bis maximal 250 mg in Spirituosen. Die Höchstmengen sind ausgedrückt als reines Chinin. Tonic Water ist das am stärksten bitter schmeckende Erzeugnis. Nach Untersuchungen des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) enthält es von den Erfrischungsgetränken die höchsten Chininmengen, die im Mittel bei 61 mg/l liegen. Der höchste ermittelte Wert lag bei 75 mg/l. Deutlich weniger Chinin ist in "Bitter-Lemon" und "Bitter-Orange", die mit ca. 3 - 12 % Zitronen- oder Orangensaft hergestellt werden, enthalten. Hier liegen die Chiningehalte im Mittel bei nur 29 mg/l.

Wie muss Chinin gekennzeichnet werden?
Vorverpackte Getränke, die Chinin und/oder dessen Salze als Aromen enthalten, müssen im Zutatenverzeichnis die Angabe „Aroma Chinin“ tragen.

Chinin und Parkinson
Die US-Zulassungsbehörde FDA mahnt schon seit über 10 Jahren zur Vorsicht im Umgang mit Chininhaltigen Präparaten, nicht zuletzt aufgrund von knapp 100 Todesfällen, bei den offenbar der Konsum von Chinin von Bedeutung war. In einer Kasuistik war eine ältere Frau nach dem Genuss von Gin Tonic fast an einem Herzversagen verstorben. Zusätzlich zu ihrem Getränk hatte sie Chinin über Krampf- und Rheumamedikamente zu sich genommen. Diagnostisch fand sich eine verlängerte QT-Zeit. 


Abbildung:  QT-Dauer in blau gekennzeichnet

Die QT-Zeit ist eine Messgröße bei der Auswertung des Elektrokardiogramms (EKS) und steht für die Dauer einer Herzkammererregung. Eine Verlängerung dieser Zeit kann zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen.

Relativ viele Medikamente können zu einer Verlängerung der QT Zeit führen, auch Parkinson-Medikamente bzw. Medikamente, welche bei Patienten mit Morbus Parkinson häufig eingesetzt werden. Hier sind insbesondere Amantadin, Budipin, Domperidon und die Antidepressiva Citalopram und Escitalopram zu nennen. In den Beipackzetteln dieser Medikamente wird vor der gemeinsamen Gabe mit anderen QT-Zeit verlängernden Mitteln gewarnt, nicht jedoch vor dem Genuss von Tonic Water.

Es sei noch darauf hingewiesen, dass viele Präparate, insbesondere Tropfen aus der Naturheilkunde Chinin enthalten. Patienten mit Amantadin oder einem anderen der o.g. Medikamente sollten die Zusammensetzung auf der Packung deshalb genau durchlesen.

Kurzer Steckbrief zu Chinin
Chinin ist ein natürlich vorkommender Stoff aus der Rinde des Chinarindenbaums. Ursprungsort ist Mittelamerika. Der Name stammt von den Ureinwohnern (quina-quina, Rinde der Rinden). Es schmeckt bitter und wird in der Medizin zur Behandlung von Malaria, Fieber und Muskelkrämpfen eingesetzt. Mögliche Nebenwirkungen sind Ohrgeräusche, Schwindel, Schwerhörigkeit, Herzrhythmusstörungen etc. Da Chinin das QT-Intervall im EKG verlängert, muss darauf geachtet werden, es nicht mit anderen Medikamenten einzunehmen, die ebenfalls eine verlängernde Wirkung auf die QT-Zeit haben.

Literatur:
Fardet L et al. Association Between Long-term Quinine Exposure and All Cause Mortality. JAMA 2017; 317:1907-1909.
Müller T. https://www.springermedizin.de/restless-legs-syndrom/neurologische-erkrankungen/keine-gute-idee-gin-tonic-plus-krampfmittel/12289576.
Lassek E. https://www.vis.bayern.de/ernaehrung/lebensmittel/gruppen/chinin_getraenke.htm.
http://flexikon.doccheck.com/de/QT-Dauer
https://de.wikipedia.org/wiki/Chinin

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